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„Äsop, die Tiere und wir“ -
Griechische Kinderlieder von Ioannis Charalampakis
von Stefan G. Feiks (13.08.2021)

Eine der schönsten Eigenschaften kreativer Prozesse ist: Sie stecken voller Überraschungen! Schöpferische Akte nehmen oft unerwartete Wendungen und folgen einem geheimnisvollen Eigenleben, das sich weder bis ins letzte Detail vorausplanen, noch in theoretischen Konzepten kalkulieren lässt. Zu viele Faktoren geschehen spontan, intuitiv oder sind so unkontrollierbar wie die elementaren Kräfte der Natur selbst. So tragen sie auch stets das Potential und die Power in sich, mentale Begrenzungen, Erwartungen, verhärtete Vorstellungen, oder unnatürliche geistige Konzepte aller Art, einfach wegzuwaschen und aus dem Weg zu räumen, um einem möglichst natürlichen Entwicklungfluss freien Lauf zu lassen; oder eben, falls dieser in irgendeiner Weise blockiert ist, einen solchen wieder herzustellen. Obwohl Absichtslosigkeit, im Sinne eines Geschehen-Lassens, wohl zu ihren geheimnisvollsten Eigenschaften zählt, führen kreative Entwicklungen letztlich immer auch zu konkreten Zielen, Lösungen und Ergebnissen hin, die dem eigenen Leben - und dem Leben anderer - neue, inspirierende Perspektiven bewusst machen können.
Ich selbst hatte immer schon große Freude daran, nicht nur selbst kreativ zu gestalten, sondern auch bei Anderen begleiten, beobachten und miterleben zu dürfen, wie sie ihre kreativen Energien nutzen und entfalten. Einer besonderen Entwicklung dieser Art ist dieser Text gewidmet.
Zuerst muss ich dafür jedoch an den Anfang zurück gehen: Ins Jahr 2015. Die Volkshochschule Traunstein hatte mir gerade ein Experiment genehmigt, und, im Rahmen ihres Kursangebotes, grünes Licht für einen Songwriting-Kurs gegeben. Ich war motiviert, freute mich, und malte mir bereits in Gedanken aus, wie sich eine bunte Teilnehmergruppe von mindestens 10 Menschen ins kreative Abenteuer stürzt, sich gegenseitig ihre Werke vorspielt, neue künstlerische Kontakte zueinander finden, und vielleicht sogar eine gemeinsame Projektband entsteht. Nicht zuletzt auch, dass sich Songwriting natürlich als neues, nicht mehr wegzudenkendes Standardrepertoire im Volkshochschulangebot etablieren würde/sollte.
Außerdem hatte ich mir eine Vielzahl von theoretisch-praktischen Anregungen zurechtgelegt, von denen ich glaubte, sie könnten in irgendeiner Weise hilfreich oder anregend sein, um die TeilnehmerInnen zum Komponieren und Experimentieren zu animieren.
Als der Starttermin des Kurses schließlich da war, an einem ungemütlichen Abend im Februar, war jedoch das Erste was passierte: Mein Konzept wurde buchstäblich aus dem Raum gefegt. Da waren keine 10 TeilnehmerInnen. Nicht einmal fünf. Stattdessen saßen wir, mich selbst eingeschlossen, zu Dritt in der Vorstellungsrunde. Zwei Kurseinheiten später sogar nur noch zu Zweit, und ich war – ehrlich gesagt – anfangs ein wenig desillusioniert. Wahrscheinlich weil sich meine vorgefassten Ego-Erwartungen an diesen Abend so ganz anders zu entwickeln schienen, als ich es mir gedacht hatte, und auch klar war, dass unter diesen Umständen das Thema Songwriting, anstatt zu einem Dauerbrenner im Volkshochschulangebot zu werden, eher eine Eintagsfliege bleiben würde. Im Anfang zeichnete sich direkt auch schon wieder das Ende ab.
Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht ahnte, war: Genau diese spezielle Ausgangssituation, die anders und viel unscheinbarer begann als erwartet, war trotzdem, genau so wie sie war, goldrichtig, und wurde Keimzelle eines Projektes, das nicht nur kreativ immer sonnigere Aussichten eröffnete, sondern auch den Beginn einer kostbaren Freundschaft markiert!
Die 10 offiziellen Kursstunden begannen damit, dass Ioannis Lieder skizzierte, aufschrieb, sang und spielte, deren Texte er selbst entwickelte, und die zum Teil auf Fabeln seiner griechischen Heimat gründeten – dort bekannt unter dem Namen ‚Äsops Fabeln‘.
Neben anderen Songs, zeichnete sich zunehmend auch eine wachsende Sammlung von Kinderliedern ab. Meine Aufgabe beschränkte sich weitgehend darauf, vor allem aufmerksam zuzuhören, ihm möglichst wenig ins Handwerk zu pfuschen, und ihn darin zu bestärken, dass ich das was er machte, wirklich toll und wertvoll finde.
Schnell war klar, dass der ruhige Mann, der da vor mir saß, und mich manchmal aufmerksam und wach zu beobachten schien, neben einem feinen, hintergründigen Sinn für Humor, auch eine munter plätschernde Quelle von Liedern in sich trug. Liebevoll gestaltete, originelle, kleine Welten, die oft auch sehr stark von der mitreißenden Kraft traditioneller Tanzrhythmen seiner griechischen Heimat geprägt wurden, z.B. dem allgemein bekannten Zorbas-Sirtaki-Rhythmus. An anderer Stelle erscheint ein Zeimbekiko im ungeraden 9er-Rhyhtmus, der traditionell mit Attributen von Männlichkeit und männlichem Gebaren verbunden, hier einen Hasen charakterisiert, der sich selbst, von seiner eigenen Überlegenheit felsenfest überzeugt, etwas voreilig zum Sieger eines paradoxen Wettrennens gegen eine Schildkröte erklärt, am Ende jedoch - verliert (tragische Komödien also, wie sie sich auch in der Welt der Erwachsenen zutragen können, z.B. im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zuletzt).

Nebenbei bemerkt: Es ist sicher kein Zufall, dass während dieser Zeit, auch in meinen eigenen Kompositionen und Skizzen immer mehr ungerade, griechische Tanzrhyhtmen - 5er, 7er und 9er - aufzutauchen, und sich in verschiedenen Stücken breit zu machen begannen.
Ursprünglich waren Ioannis‘ Kinderlieder als Geschenke für seine eigenen Kinder gedacht, und den praktischen Gebrauch zuhause. Der Gedanke, sie vielleicht irgendwann auch mit einem größeren Publikum zu teilen, spielte in diesem Stadium noch keine Rolle. Nach 10 Kurseinheiten war der offizielle Teil dann auch schon wieder beendet, und gleichzeitig auch meine kurze Karriere als VHS-Songwriting-Kreativ-Coach. Unbezahlbar wurde für mich persönlich jedoch die Erfahrung, dass unscheinbare Experimente, die materiell für alle Beteiligten oft unrentabel beginnen und auch enden, sich dafür auf einer anderen, immateriellen Ebene umso mehr lohnen können: Die Sache hatte nämlich nicht zuletzt eine Begegnung und Verbindung herbeigeführt, die der Anfang einer echten Freundschaft wurde.

Vielleicht eine der härtesten Währungen und Sicherheiten, die es überhaupt geben kann, inmitten einer unruhigen Welt, eines tiefgreifenden Wandels, voller gravierender, epochaler Veränderungen und Neuerungen. Veränderungen, die u.a. durch das unaufhaltsame Vorangaloppieren der Digitalisierung ähnlich umwälzend sind, wie die Medienrevolution, die durch Gutenbergs Erfindung von Buchdruck und Druckerpresse Jahrhunderte zuvor mit vorangetrieben wurde. Mit der das Mittelalter unwiderruflich zu Ende ging, und sich zugleich das Tor in die Renaissance weit öffnete. Ioannis und ich trafen uns von da an im ganz freien Rahmen weiter, zeigten uns gegenseitig unsere neuesten Entwürfe, und nach einiger Zeit stand fest: Wir könnten auch ein Konzert veranstalten, um die Lieder ganz praktisch vor Publikum zu testen, und dabei das ehrlichste, unvoreingenommenste und unbestechlichste Publikum zu Rate ziehen, dass es gibt: Kinder!

Wir mieteten also für eine Kinderkonzertreihe den Gemeindesaal der evangelischen Kirche Traunstein, zogen zwei weitere gute Freunde hinzu (Jörg Pfeifer und Hans Leonhardt), umrahmten das griechische Kinderliederkonzert - an zwei anderen Wochenenden - mit Ravels vierhändiger Märchensuite ‚Ma mere l’oye‘ und meinem eigenen Märchen ‚Lao und Prinzessin Tao‘.
Die positive Resonanz des Publikums auf die Lieder von Ioannis wurde Basis und Ausgangspunkt für einen weiteren Schritt: Er entschloss sich eine CD zu produzieren und begann Arrangements dafür zu erstellen. Am Endergebnis waren letztlich rund 80 MusikerInnen aus 6 verschiedenen Ländern beteiligt. Neben Freunden und Familie, sind unter anderem auch die Musikkapelle Waging zu hören (unter der Leitung von Makis Gypas), zwei griechische Kinderchöre, SängerInnen wie Christina Bledea, Eirini Derempei, der in Griechenland berühmte Vasilis Papakonstantinou und nicht zuletzt Ioannis Charalampakis selbst als Sänger, Gitarrist, mit Bouzouki, Baglama und Mundharmonika. Genaue Angaben hierzu finden sich im Booklet der CD. Die dafür nötigen Aufnahmen, die an verschiedenen Orten in Griechenland und Deutschland organisiert wurden, liefen letztlich im Tonstudio von Jürgen Hagen in Traunstein zusammen, wo das Mosaik zusammengesetzt wurde. Ein gemütlicher Abend folgte, als Ioannis und Tonmeister Jürgen, schließlich nach vielen Arbeitsstunden und -tagen auf meiner Terrasse auftauchten, direkt vor dem Raum, in dem viele Monate zuvor das Projekt begonnen hatte, und verkünden konnten, dass die CD endlich fertig ist.
Herausgekommen ist eine Liedersammlung, an der mich persönlich, neben der liebevollen Detailarbeit, auch die Menschlichkeit und Bewusstheit begeistert, von der sie erfüllt ist. Seine Musik zeigt eine echte Alternative zu einem Zeitgeist auf, der oft gekennzeichnet ist, von schnelllebigem, oberflächlichem Materialismus, ermüdenden Wettbewerben um Verkaufsquoten, Streamingzahlen, lieb- und ideenlos zusammengemixten, nährstoffarmen Wegwerfprodukten, mit denen die Welt teilweise auch auf mentaler Ebene überschwemmt wird (um nicht zu sagen ‚zugemüllt‘). Seine Musik jedoch nahm sich viel Zeit um zu reifen, Amateure musizieren neben Profis, Jung neben Alt, sie schweißt Freunde und Familien enger zusammen, schlägt Brücken und schafft Verbindungen zwischen Ländern, nutzt digitale und analoge Verbindungsmöglichkeiten, integriert Farben und Charaktereigenschaften verschiedener Kulturkreise, und lässt den Traum von einer Welt durchscheinen, die grundsätzlich mehr auf Gemeinwohl und Miteinander ausgerichtet ist (die Landshuter HNO-Praxis von Ioannis ist inzwischen übrigens dementsprechend "Gemeinwohl-Ökonomie-bilanziert").


Seine Musik zeigt, dass die Welt rund ist, und die Menschen in Wirklichkeit eine große Gemeinschaft sind, in der alles verbunden und vernetzt ist, und egoistische, auf die Ausbeutung Anderer ausgerichtete Lebenskonzepte, Auslaufmodelle sind, die auf sandigem Grund stehen. Eine Sache an diesem speziellen kreativen Prozess ließ sich bisher jedoch leider noch nicht verwirklichen, bzw. blieb bis heute offen. Die Corona-Pandemie hatte wohl auch ihren Anteil daran: Ein gemeinsames live Konzerte für Kinder in Griechenland! Ich bin aber zuversichtlich…das kommt noch…kreative Prozesse brauchen nämlich oft vor Allem auch drei Eigenschaften: Geduld, Zeit und einen langen Atem…

Anmerkungen: Die CD von Ioannis Charalampakis kann u.a. über seine Homepage erworben werden:
Der CD ist ein liebevoll gestaltetes Booklet mit der deutschen Übersetzung der Liedtexte beigefügt.


Stefan G. Feiks
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